Werbung, Werbung – wer verschenkt die Stadt?
Wir kennen sie alle – die Werbung an Bus- und Straßenbahnhaltestellen. Und an vielen Orten kann man momentan den Irrsinn beobachten, dass bestehende und intakte Wartehäuschen abgerissen und durch neue ersetzt werden. Aber warum ist das so? Muss das so sein? Und warum haben wir alle eigentlich kein Mitspracherecht, mit was für Werbung wir tagtäglich wo und warum belästigt werden?
Die kurze Antwort ist: „Kapitalismus, Filz und viel Geld“. Mit Werbung kann nämlich viel Geld verdient werden. Viele Fernsehsender und fast das ganze Internet werden durch Werbung finanziert. Und auch die Werbung auf Dresdner Straßen bringt viel Geld. Aber gehören die Straßen und Wege nicht der Stadt – also uns allen? Gehört die DVB nicht der Stadt – also uns allen? Wenn wir schon Werbung zulassen, müsste dann die Stadt bzw. die DVB nicht die Erlöse bekommen?
Theoretisch schon. Aber in der Realität werden Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert. Darum wird seit Anfang der 1990er Jahre die lukrative Werbung an Straßen und Haltestellen an private Firmen vergeben, während der per Definition defizitäre ÖPNV durch die Stadt betrieben wird. Zugegeben, die Verträge mit den Werbefirmen generieren natürlich Einnahmen und die Werbefirmen übernehmen das Aufstellen der Wartehäuschen. Das ändert aber nix daran, dass der Gesamtkuchen der Werbeeinnahmen viel größer wäre, wenn die Stadt (oder die DVB) die Werbung selbst betreiben würde.
Es ist schon seltsam, dass kaum eine Partei diesen Umstand beklagt. Im Gegenteil, die Vergabe von Werbung an private Firmen wird als natürliche Ordnung der Dinge angesehen. War schon immer so, wird immer so bleiben. Und die Frage, wer unsere Stadt für Werbung nutzen darf, kommt wenn überhaupt nur alle paar Jahrzehnte aufs Tablett – dann nämlich, wenn die Verträge verlängert oder erneuert werden müssen. So war das z.B. im Jahr 2010 der Fall, als die bestehenden Verträge aus den 1990ern so gut wie ohne Diskussion im Stadtrat mal eben um zehn Jahre verlängert wurden. Die Maschine war gut geschmiert.
Anfang der 2020er Jahre war allerdings die Maximallaufzeit der Verträge erreicht – und es ergab sich eine Gelegenheit. Die Stadt hätte nämlich die noch nutzbaren Wartehäuschen günstig aufkaufen und fortan die Werbung selbst vermarkten können. Dann hätte man auch Einfluss auf den Inhalt und die Art der Werbung gehabt. Die DVB hätte hierdurch Geld bekommen können. Hätte … aber eine riesige, stillschweigende Mehrheit im Stadtrat wollte die Verträge wieder ausschreiben und erneut an private Anbieter vergeben. So kam es dann auch. Und wie durch Magie haben die üblichen großen Quasi-Monopolisten fast alle Ausschreibungen gewonnen. Nur ein Teil des Auftrags ging letztlich an einen kleineren und neueren Anbieter – nicht aber ohne unendliche Bemühungen der Stadt-Politik, diese eine Ausschreibung zugunsten der „Großen“ hinter den Kulissen nochmal zu drehen. Warum man davon nichts mitbekommen hat? Nun, weil solche Art von „Deals“ auch die Dresdner Presse nicht interessiert. Nachdem diese Verträge nun unterschrieben wurden, haben wir jetzt wieder mindestens ein Jahrzehnt Zeit, bis sich die Frage stellt, wer unseren öffentlichen Raum und die öffentliche Infrastruktur für seine Werbegewinne nutzen darf.
Dann wird der Stadtrat die Verträge wohl wieder um zehn Jahre verlängern und verlängern und verlängern. Oder aber, die Menschen in Dresden werden es irgendwann doch einmal satt, wie ihre Stadt unhinterfragt verschenkt wird.
