Knüppel aus dem alten Sack

„…dann hat der meinen Mann ‘alter Sack’ gennannt!“ berichtet die alte Säckin gerade einer aufgebrachten Meute aus alten Säcken, als ich zufällig an der Anti-Rad-Demo in der Hauptstraße vorbeikomme. Mit welcher Sackigkeit sich ihr alter Sack den alten Sack verdient hat, vergisst die alte Säckin zu erwähnen, denn so viel ist sicher: Kein Radfahrer fährt rum und beschimpft willkürlich alte Säcke.

Das bremst die versammelte Bürgerwehr nur wenig, denn wenn das gutbetuchte Bürgertum sich empört, dann hört nicht nur ihr Sackpack zu, sondern gleich noch Polizei & Verwaltung: Gleich drei Polizisten, das Ordnungsamt, Stadtbezirksleiter und Baubürgermeister sind gekommen, um dem Hauptstraßenbürgertum ihr Mitleid kundzutun. Denn was viele nicht wissen: Täglich sterben dort mindestens zwei Fußgänger durch Radfahrer. Erst gestern erwischte es eine ganze Touristengruppe aus Wuppertal. Alle tot. Blödsinn.

Fast täglich fahre ich mit dem Rad zum Rathaus. Dass man im Verkehr schonmal bremsen, ausweichen oder anhalten muss und dass man sich dabei mal übereinander ärgert, ist Leben. Keine Statistik, kein Unfall, keine Opfer, keine Kontrolle bestätigt irgendeine besondere Gefahr auf der Hauptstraße. Ganz im Gegenteil. Trotzdem stehen sie da, die staatlichen Ordnungsbehörden und nicken dem aufgebrachten Bürgertum zu.

Warum eigentlich? Warum kommt der Baubürgermeister, um sich von einem Dutzend Idioten, deren größtes Problem ist, dass sie beim Shoppen Radfahrer sehen anpöbeln zu lassen? Warum hört sich die Polizei den Schwachsinn nicht nur an und nickt, sondern macht gleich noch personalintensiven Fahrraddrangsalierungstag? Warum bestätigt die Lokalpresse unentwegt die unsinnige Story von der radelnden Gefahr?

Drei Fragen eine Antwort: Weil die richtigen schimpfen, die betuchte Bürgerschaft aus Ärzten, Anwälten, ministerialen Beamten und Sparkassendirektoren, die in Fördervereinen sitzen, mit Politik und Chefredakteur persönlich bekannt ist, mit denen man sich durch Sektempfängchen und Kaviarbuffets fettet, mit denen man es sich nicht verscherzen will.

Da ist auch völlig egal, ob da nur 15 Menschen stehen, ob es das Problem oder die entsprechenden rechtsstaatlichen Mittel überhaupt gibt. Diese Leute schäumen, weil sie etwas stört und weil sie sind, wer sie sind, glauben sie, diese Störung müsse beseitigt werden und ihnen wird Folge geleistet, denn alle wissen: Denen gehört die Stadt.

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