Gegen die Hybris
Im antiken Rom war es Sitte, dass sich ein Feldherr oder Kaiser während eines Triumphzuges seinen Streitwagen mit einem Sklaven teilen musste. Dieser Sklave hatte zwei Aufgaben. Erstens, dem Mann der Stunde einen Lorbeerkranz über den Kopf zu halten. Zweitens, ihm durch die Fanfaren, Trommeln und Jubelrufe der Menge hinweg immer und immer wieder einen Satz zuzurufen: „Memento mori.“ Zu Deutsch: „Bedenke, dass du sterben wirst.“
Ziel dieser Tradition war es, den Triumphierenden einerseits gebührend zu würdigen, ihn andererseits jedoch Demut zu lehren. Die Botschaft war ganz einfach: Lass dir das nicht zu Kopf steigen. Auch du wirst einmal sterben, denn du bist ein Mensch und kein Gott.
Ich bin der Meinung, die heutige Politik würde immens von dieser Praxis profitieren. Also, nicht von der Sklaverei, sondern von einer Person, die politischen Mandatsträger:innen immer und immer wieder ins Ohr flüstert, um ihnen bewusst zu machen, dass auch sie nur Menschen sind.
Ich wäre für so einen Job zu haben. Auffällig unauffällig würde ich mich bei der Pressekonferenz zum nächsten Doppelhaushalt hinter den Oberbürgermeister stellen und ihm zärtlich in den Nacken raunen, dass er eben nicht der unangefochtene Herr über die Stadt und ihre Finanzen ist.
Wenn die Tarifgruppe stimmt, weite ich meinen Service gern auch auf die Fraktionsvorsitzenden des Stadtrates aus. „Ach, Holger“, höre ich mich schon jetzt liebevoll hauchen, „Wir hatten das doch schon. Du bist auch nur ein Mensch, du weißt nicht alles besser.“ Oder: „Denk dran, André, du bist nicht die Partei. Du bist nicht die Fraktion. Du bist einfach nur ein Mensch.“
Die Schattenseite dieses Jobs wäre natürlich das allgemeine gesundheitliche Risiko. Denn die Frage ist sehr wahrscheinlich nicht, ob, sondern wann einer dieser holzköpfigen Pinocchios mich arme kleine Grille zu Brei schlägt (Ja, liebe Disney-Fans, so ist es im Original passiert, lest das Buch.), weil sein verletztes Ego mein permanentes Zischeln nicht mehr aushält.
Schade. Aber das war ja auch nur ein Gedankenspiel. So werden wir wohl auch in Zukunft mit einer Politik leben müssen, die das Ergebnis von Hochmut, fragilen Persönlichkeiten und Schwanzvergleichen ist. Diese Aussicht wird allerdings erträglicher, wenn man sich immer wieder Folgendes sagt: „Memento eos morituros esse.” – “Bedenke, dass auch die einmal sterben werden.”
