Hach, was soll ich sagen… Ich bin verliebt.

Warum du mir erst jetzt aufgefallen bist, kann ich mir nicht erklären. Kenn dich doch schon seit Jahren. Meist war es nur Mittel zum Zweck, ein schnelles Rein Raus. Oft hast du mich ignoriert, mir keinen Raum gegeben, mich im Regen stehen lassen. Bist mit Ausreden um die Ecke gekommen.

„Der Feierabendverkehr war wieder so schlimm“, „Da haben schon wieder Autos auf meinem Weg geparkt“, „Die Baustellen zwingen mich zu einem Umweg“.  Hab’s stumm abgenickt, mich einfach nicht drum gekümmert. Irgendwann abgestumpft, war es mir schlicht egal.

Eines Tages dann, viel zu früh am Morgen, hast du es geschafft. Kamst die Straße hochgefahren. Die gleisend schöne Morgensonne im Rücken, die deine Silhouette umschloss. Dein allumfassendes Goldgelb strahlte wie das Leben selbst. Langsam, aber bestimmt fuhrst du in die Haltestelle ein. Deine Türen öffneten sich nur für mich und dann war ich das allererste Mal mit dir allein.

Weißt du eigentlich, wie schön du bist? Mit deinen kuscheligen Polstern, deinen elektrisierenden Schlitzen, dem breiten Gang. Deine Klimabilanz macht mich feucht. Die Niederflurgelenktriebwagen schlängeln sich geschmeidig durch die engen Straßen. Bist täglich auf dem 300km langen Schienennetz unterwegs, wie eine Schwalbe, die jeden Bordstein mitnimmt. Greifst jede*n auf, machst keinen Unterschied. Fährst in die hintersten Winkel, an schnörkeligen Gebäuden vorbei, überquerst todesmutig jede Brücke und stellst dich jeder Wetterlage. Bringst jährlich 159,6 Millionen Menschen durch die Stadt. Lässt trotzdem nicht alles mit dir machen, setzt klare Regeln mit schmuddeligen Piktogrammen in deinen prächtigen Panoramafenstern. Jeden Tag bringst du uns an Ziel. Du hilfst den Menschen.

Seit einer Weile allerdings habe ich das Gefühl, dass es dir nicht gut geht. Wenn ich dich frage, schweigst du. Winkst ab, willst deine Ruhe. Die Meldung hat mich dann kalt erwischt: Kürzungen! Amputation! Finanzlücke! Es geht um deine nackte Existenz!

Und dann kamst du zu mir, hast mir alles erzählt. Dein Leben am Existenzminimum mit den gepanschten Finanzspritzen, das blaue Auge, dass du kassierst, um die Kosten zu decken. Sugardaddy Sucksen. Die Trauer, die du empfindest, wenn du mit Absicht kleiner gehalten wirst, und die Autofetischisten, die dich immer wieder entgleisen lassen. Deine Fähren, die nicht mehr schwimmen sollen, Busse, die nicht mehr rollen können, deine Schwingen, die dich kaum noch über die Schienen tragen. Du weinst und dein Schluchzen geht durch Mark und Bein. Ich sehe die Angst in deinen großen runden Scheinwerfern und schaue durch deine erschöpfte Windschutzscheibe, sehe mein Spiegelbild. Du bist nicht allein!

Warum geht man so mit dir um? Du hast es verdient, mit Respekt behandelt zu werden, wie jeder andere auch. Ich werde dich verteidigen, wenn du angegriffen wirst und deine Stimme sein, wenn deine Gegensprechanlage ausfällt. Ich bin vom Scheitel bis zur Sohle Schwarz-Gelb. Ich ziehe durch die Straßen und jedes Auto, dass dir im Weg steht, brennt. Unsere Parolen hallen von den Häuserwänden wider: SCHIENEN-FAHRZEUG! Das „Commando Gelenktriebwagen“ begleitet jede Fahrt, das „Geschwader Schienenspur 1450mm“ schwenkt deine Fahnen. Unsere Choreografie tanzt für dich im Pyrolicht und an jeder Hauswand prankt: DVB ULTRAS.

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